„Ahaar“ – Du bist, was du konsumierst!
Was die altindische Philosophie über das Futter des Geistes lehrt
Es ist Montagabend nach einem langen, arbeitsreichen Tag. Jetzt nur noch auf die Couch, Netflix einschalten und die Serie ‚Monster: Die Geschichte von Ed Gein‘ weiterschauen. Schon den ganzen Tag freut man sich auf dieses kleine Abendritual: Mit Pizza, Chips und einem Glas Rotwein in die dunklen Abgründe eines Serienkillers eintauchen. Um ein Uhr morgens fällt man erschöpft ins Bett – nur um sich wenige Stunden später, nach einer alptraumreichen Nacht, mühsam wieder aufzuraffen, um pünktlich im Büro zu erscheinen. Zeit für Frühstück bleibt keine, nur für einen schnellen Schluck Kaffee. Mit klirrenden Kopfschmerzen kämpft man sich durch den Tag und traut sich nach Einbruch der Dunkelheit kaum noch in die Tiefgarage – Ed Gein scheint plötzlich näher, als einem lieb ist.
Ein Tag voller Müdigkeit, Kopfschmerzen, irrationaler Ängste und Übelkeit – das Resultat von ‚tamasic food‘.
In der ayurvedischen Philosophie geht man davon aus, dass alles, was wir über unsere Sinne aufnehmen – nicht nur physische Nahrung – unseren geistigen und spirituellen Zustand nährt. Wir sind also das Produkt unseres Konsums. Die Qualität des Inputs bestimmt die Qualität des Outputs. Der Begriff Ahaar kommt aus dem Sanskrit und bedeutet Nahrung, Zufuhr oder das, was aufgenommen wird. Welche Filme wir schauen, welche Bücher wir lesen, welche Musik wir hören, mit welchen Menschen wir uns umgeben – und nicht zuletzt, was wir essen und trinken – beeinflusst laut altindischer Lehre unser mentales und seelisches Gleichgewicht.
Sattvische Ernährung
Praktiken wie die sattvische Ernährung betonen frische, vollwertige Lebensmittel, um den Geist zu reinigen. In Systemen wie Ayurveda und Yoga wird sie empfohlen, um geistige Klarheit und innere Ausgeglichenheit zu fördern. Diese Ernährungsweise legt Wert auf reine, naturbelassene Zutaten, denen eine harmonisierende Wirkung auf Körper und Geist zugeschrieben wird.
Das Konzept der sattvischen, rajasischen und tamasischen Nahrung erklärt, wie verschiedene Lebensmittel unseren Geisteszustand beeinflussen:
- Sattvisch: fördert Reinheit, Ruhe und Klarheit.
- Rajasisch: steht für Leidenschaft und Aktivität; umfasst scharfe, salzige und saure Speisen, die den Geist unruhig machen können.
- Tamasisch: ist mit Trägheit und Schwere verbunden; dazu gehören abgestandene, stark verarbeitete oder übrig gebliebene Nahrungsmittel.
Medienkonsum
Nicht nur das, was wir essen, prägt unseren Zustand – auch der Konsum von Medieninhalten kann sich positiv oder negativ auf unsere Psyche auswirken. Bücher, Filme oder Musik beeinflussen unbewusst unsere Stimmung, Entscheidungen und Gedankenwelt. Düsterer Content kann irrationale Ängste verstärken.
Nach ayurvedischer Auffassung macht es also durchaus einen Unterschied, ob wir abends The Secret lesen – einen Klassiker der New-Age-Philosophie – oder uns den neuesten True-Crime-Hype auf Netflix reinziehen.
Soziales Umfeld
Auch unser soziales Umfeld wirkt wie Nahrung auf unseren Geist. Der deutsche Soziologe Wilhelm Dilthey beschrieb das Selbst als Produkt seiner Umgebung – eine Idee, die sich mit dem Konzept von Ahaar deckt. Gespräche, Einstellungen und Werte, die wir mit unserem Umfeld teilen, beeinflussen unser inneres Gleichgewicht und damit auch unsere Gesundheit.
Wie bedeutend sozialer Austausch und dessen Qualität sind, zeigt sich in den sogenannten Blue Zones – Regionen der Welt, in denen Menschen außergewöhnlich alt werden. Dieses lange Leben wird auf einen Lebensstil zurückgeführt, der Bewegung, geringen Stress, enge soziale Bindungen, eine naturbelassene Ernährung und eine geringe Krankheitsrate miteinander verbindet.
Es ist wieder Montagabend nach einem langen Tag. Es kostet etwas Überwindung, doch mit Disziplin im Gepäck geht es zur Yogastunde. Nach dem ‚Shavasana‘ erklingt die sanfte Stimme der Trainerin – der Kopf ist klar, der Körper leicht, und der Tee vor dem Heimweg wartet schon. Bei netten Gesprächen mit inspirierenden Menschen klingt der Tag aus… und morgen früh wartet der Haferbrei.
Man fühlt sich gut.
Vielleicht hatten die Denker vergangener Zeiten doch gar nicht so unrecht.