Zwischen Weckruf und Demut

Was die besten Pressefotos der Welt und lehren

Vorm WestLicht im 7. Bezirk Wiens bleibe ich stehen, blicke vorfreudig dem Eingang der Ausstellungshalle entgegen, mache ein Foto von einem Kunstautomaten, poste es und schreibe darunter: „Wovon die Welt wohl mehr brauchen würde…“ in dem vermeintlich weisen Glauben, das größte Problem seien die Zigarettenautomaten der Tabakindustrie. Drei Stunden später hat mich die World Press Photo Ausstellung eines Besseren belehrt. 

 

Zum 24. Mal zeigt das WestLicht in diesem Jahr die besten Arbeiten des internationalen Fotojournalismus. Die World Press Photo Foundation, eine Non-Profit-Organisation mit Sitz in den Niederlanden, wurde 1955 gegründet. Heute tourt die Ausstellung durch rund 80 Städte weltweit – mit dem Ziel, unabhängigen Fotojournalismus zu fördern und durch authentische Aufnahmen Bewusstsein für das Weltgeschehen zu schaffen.

 

Krieg, Umwelt und Flucht sind die Themen, die uns in den letzten Jahren – und damit auch die ausgestellten Werke – beschäftigen. Die Fotografien, die diese Wirklichkeiten abbilden, haben eine enorme Kraft und konfrontieren uns unausweichlich mit Realitäten, vor denen man im Alltag gern die Augen verschließt. Manche Exponate erscheinen in einer Reihe aus mehreren Bildern, jedes von ihnen erzählt eine Geschichte zu einem Individuum oder zu einer Gruppe, die für ihre Überzeugungen und Rechte kämpft. So auch ein Kollektiv von Frauen in Eritrea, die ihre Körper nicht länger als Schlachtfelder militärischer Gewalt sehen wollen und gegen Missbrauch, Organhandel und Unterdrückung kämpfen. Der Konflikt zwischen Palästina und Israel nimmt außerdem einen Schwerpunkt in der Ausstellung ein. Das World Press Photo des Jahres zeigt einen neunjährigen Jungen namens Mahmoud Ajjour, der beide Arme während eines Angriffs im Gazastreifen verlor. Aufgenommen wurde das Foto von Samar Abu Elou für die New York Times. Das Licht- und Schattenspiel, das sich über den Oberkörper und das Gesicht des abgelichteten Jungen legt, spricht Bände über die Zukunft eines Kindes in einer düsteren Gegenwart. Dieses Werk ist das Herzstück der Ausstellung – auf grauer Wand und unter hellem Licht könnte es nicht eindringlicher exponiert werden. Zwischen den aufwühlenden Bildern gibt es in deren Anordnung wenig Verschnaufpausen. Die meisten prämierten Fotos zeigen Krisen in ihrer rohesten Form. Immer wieder finde ich mich selbst auf einen der Sitzgelegenheiten mitten im Raum wieder, um die Eindrücke zu verarbeiten. Die Ausstellung zeigt die Macht der Bilder, aber auch ihre Überforderung: Wie viel Leid lässt sich ertragen, wenn es gerahmt an der Wand hängt? – frage ich mich. 

 

Eines der prägnantesten Themen der diesjährigen Ausstellung ist die Willkür staatlicher Gewalt und das damit verbundene menschliche Leid. Dem Kind, das beide Arme bei einer Explosion verlor; den jungen Männern, die auf öffentlicher Straße in El Salvador kommentarlos festgenommen werden und den demonstrierenden Müttern, die um das Leben und die Freiheit ihrer Söhne kämpfen, wird eine Bühne gegeben. Dieses Mal spricht nicht der mächtige Politiker, nicht das Staatsoberhaupt, das die Truppen in den Krieg schickt. Das Wort hat der verletzte Soldat, die leidende Mutter, das hoffnungslose Kind, die zu Opfern willkürlich getroffener Entscheidungen geworden sind. Es ist ein Weckruf für all jene, die sich ihres privilegierten Lebens und der Willkürlichkeit von politischen und staatlich gelenkten Systemen mancher Länder nicht bewusst sind. Die Macht dieser Bilder liegt nicht in der Schockwirkung, sondern im Blickkontakt: Fotograf:in und Betrachter:in teilen einen Moment von Verantwortung. 

 

Jedenfalls lehrt die Ausstellung vor allem eines: Demut – eine innere Haltung der Bescheidenheit und des Respekts gegenüber einem friedlichen und einfachen Leben, die in einer bevorzugten und egozentrischen Leistungsgesellschaft oft fehlt. 

 

Nachdenklich verlasse ich das WestLicht Museum. Ich öffne meinen Instagram-Kanal, checke meine Likes auf meine Story zum Kunstautomaten und denke: „Ein weiterer sinnloser Content, der nicht einmal einen Tropfen auf dem heißen Stein verdient hat“, wissend, dass meine Soundhealing-Session in zwei Stunden beginnt und ich bei Kerzenschein und Palo Santo Duft meinen Geist wieder beruhigen darf. Welch privilegiertes Leben ich doch führe!

 

Bis zum 16. November 2025 ist die Fotoausstellung im WestLicht in Wien noch zu sehen.