Die perfekte Zitrone
Frieda ist eine Zitrone. Sie ist frisch geerntet und hat noch viele glückliche Tage bis zu ihrem Verfallsdatum. Frieda lebt in einem Konsumland – niemand muss hungern, alles gibt es im Überfluss. Sie ist ein Exemplar der perfekten Gattung Zitrone. Von ihrer Sorte gibt es viele, und so ist sie immer in perfekter Gesellschaft.
Friedas beste Freundin heißt Marie. Sie ist die schönste aller Zitronen im Konsumland! Und obwohl Marie Friedas beste Freundin ist, fühlt sich Frieda in ihrer Gegenwart oft minderwertig. Makellose Zitronen wie Marie bekommen eben viel Aufmerksamkeit und sind sehr begehrt. Oft ist Frieda neidisch auf Maries glatte, makellose Haut. Sie selbst hat eine Narbe und die ein oder andere Delle – die anderen Zitronen im Konsumland nennen das Cellulite.
Frieda hat noch nicht verstanden, dass Perfektion der Feind des Individualismus ist, und deshalb hasst sie ihre vermeintlichen Makel. Die meiste Zeit übersieht sie ihre eigene Schönheit – dabei hat sie vieles, wofür andere Zitronen sie beneiden würden. Sie ist groß und schön proportioniert. Ihre Haut zeigt noch keine Falten, glänzt und strahlt. Ihr Teint ist gleichmäßig und von der Sonne geküsst.
Alles in allem könnte Frieda sehr zufrieden mit ihrem Äußeren sein. Doch es ist nicht immer leicht, im Schatten ihrer besten Freundin zu stehen. Oft plagen sie Selbstzweifel – das Produkt des Konkurrenzdenkens ihrer Mitzitronen. Oft wünscht sich Frieda, für ihr Inneres gemocht zu werden. Für die fruchtige Säure, die das Leben ihrer Mitzitronen spritziger macht. Für die Leichtigkeit, die man spürt, wenn sich Frieda öffnet und ihr Innerstes zeigt.
Frieda ist schön!
Sie weiß es nur noch nicht …