Freund:innenschaftsmärchen
Bei Märchen ist es ja so, dass sie meistens nicht wahr sind – und trotzdem haben wir sie als Kinder alle vorgelesen bekommen. Märchen transportieren klare Botschaften. Sie entwerfen böse Charaktere und gute Charaktere. Wir alle sind aufgewachsen mit der bösen Hexe, dem bösen Wolf, der bösen Stiefmutter, der schönen Prinzessin und dem starken Prinzen. Die moralischen Grenzen sind klar definiert: Das Böse ist böse, das Weibliche ist schön, das Männliche ist stark – und dazwischen gibt es nichts. Hoffnung hat uns dann der Held gemacht. Nicht die Heldin – der Held ist die Hoffnung! Der Held bringt das Happy End. Entweder ist es der Prinz oder der Jäger. Sogar bei Schneewittchen reichen die sieben Zwerge als Happy End nicht aus. Die platonische Liebe kann der romantischen Liebe nämlich nie das Wasser reichen.
Ich frage mich: Wären wir mit anderen Märchen groß geworden, mit Märchen, in denen sich Rotkäppchen selbst aus dem Bauch des Wolfes befreien könnte – würden wir dann vielleicht aufhören, auf unseren Helden zu warten? Für uns Erwachsene sind Märchen nicht wahr, weil uns das Leben, verpasste Chancen und gebrochene Herzen zynisch gemacht haben. Wir bauen uns keine Luftschlösser mehr, weil wir aufgehört haben, an ein Happy End zu glauben.
Ich erzähle euch hier ein Märchen mit einer anderen Botschaft und mit einem Happy End, an das ich glaube:
ES WAR EINMAL ein herz, das große angst vor der einsamkeit hatte. es war mit konservativen und klassischen werten erzogen worden. das herz fand ein vorbild in der lebensweise seiner eltern, vor allem, weil es an anderen vorbildern und lebensweisen im märchenwald fehlte. der größte wunsch des herzes (ein herzenswunsch quasi) war deshalb ein mann, ein schloss und ein kind. eines tages traf das herz auf einen prototypischen antihelden. ein prototypischer antiheld war niemand, mit dem herzen zusammen sein sollten, weil er ganz anders war als typische helden. ein prototypischer antiheld war jemand, der in keinem schloss lebte. er war jemand, der sich zwischen stark und schwach nicht entscheiden konnte. er war jemand, der noch nicht wusste, wo oder wie er leben wollte. die eltern des herzes waren besorgt, denn prototypische antihelden waren damals nicht unbedingt schwiegerelternlieblinge. der vater des herzes war gegen eine partnerschaft, weil er fürchtete, dass das herz gebrochen werden würde, weil es doch keine zukunft mit dem prototypischen antihelden haben könnte. das herz wusste aber, dass es den prototypischen antihelden ändern konnte. das herz wusste noch nicht, dass das klischeehafte denkmuster eigentlich wollte, dass sich der prototypische antiheld änderte.
das klischeehafte denkmuster war ein intoleranter bösewicht. es hatte scheuklappen auf, fürchtete sich vor neuem und redete so lange auf andere ein, bis sich seine glaubenssätze erfüllten. das herz war aber ein naives organ. es dachte nicht rational. es war beeinflusst vom klischeehaften denkmuster, das ihm einredete, einsam zu sein, wenn es alleine war. das herz war also entschlossen: es wollte den prototypischen antihelden! es wollte den prototypischen antihelden aber nicht allein! das herz wollte auch den mann, das haus und das kind! das herz wollte, dass auch der prototypische antiheld an die sätze des klischeehaften denkmusters glaubte. also klopfte es entschlossen an die tür des prototypischen antihelden, um ihn zu ändern. der prototypische antiheld war aber gar nicht so prototypisch, und eigentlich war er auch nicht anti. eigentlich war er jemand, der sich nur als prototypischer antiheld tarnte. und deshalb machte er dem herz die tür auf und umarmte es. er hüllte es in ein luftpolsterkissen, das gefüllt war mit verständnis, empathie und freundschaft. aufgefangen in diesem luftpolsterkissen schwand im herz die angst vor der einsamkeit. das herz war befreit von den glaubenssätzen des klischeehaften denkmusters und wusste von da an, dass die freundschaft der wahre held war. das herz erkannte, dass auch freundschaft ein herz höher schlagen lassen konnte, und so trug der prototypische antiheld von nun an den namen platonischeLIEBE.
…UND WENN SIE NICHT GESTORBEN SIND, DANN LEBEN SIE NOCH HEUTE.
und die moral von der geschichte ist, dass eine liebe nicht unbedingt exklusiv oder erotisch sein muss, um groß zu sein. vielleicht ist freundschaft ein happy end, das schon die ganze zeit da war! 💜