Sehr geehrtes Verliebtheitsgefühl!
Erinnert ihr euch noch an die Textsorte Offener Brief im Deutschunterricht? Und dann gab es diese fünf Operatoren, nach denen man den Text gliedern sollte, und meistens schrieb man einen politischen Appell an den Bundeskanzler, damit sich endlich mal etwas ändert.
Stellt euch all die offenen Briefe vor, die offen geblieben sind…
Hier ein offener Brief an das Verliebtheitsgefühl:
Salzburg am 19. September 2023
Sehr geehrtes Verliebtheitsgefühl,
zunächst möchte ich IHNEN mitteilen, dass SIE ein wirklich tolles Gefühl sind und ich den größten Respekt vor IHREN bisherigen Leistungen habe – ohne SIE gäbe es viele Paare nicht! Dennoch möchte ich im Folgenden meinen Unmut IHNEN gegenüber zum Ausdruck bringen.
Zum einen bin ich über IHR Wahlprogramm mehr als aufgebracht. IHRE hormonelle Propaganda für inkompetente Liebeskandidat:innen ist wirklich eine Farce. Es stellt sich mir die Frage, ob es im Nationalrat der Gefühle überhaupt jemanden gibt, der noch vertrauenswürdig ist. Ist IHNEN überhaupt klar, dass die Zukunft vieler Menschen in IHREN Händen liegt? IHR Gefühl ist, wie mir scheint, eher ein willkürliches Vorgehen als ein ausgeklügeltes System. Wenn wir uns ehrlich sind, kommen die wirklich kompetenten Liebeskandidat:innen ja ohnehin nicht an die Spitze. Es sind immer die Korrupten, die Badboys, die es ganz nach oben schaffen und den hormonellen Haushalt ins Wanken geraten lassen. Die, die einem die Sterne vom Himmel versprechen und sich dann doch nicht dranhalten – das sind doch diejenigen, die SIE den Menschen ans Herz legen wollen. Wo sind denn all die bodenständigen Kandidat:innen, die ein Herz im Sturm erobern können? Ich denke, dass es wirklich an der Zeit wäre, auch diese Menschen in IHR Wahlprogramm mit aufzunehmen.
Dem möchte ich hinzufügen, dass SIE sich in letzter Zeit ziemlich rar gemacht haben. Ich persönlich kann mich schon gar nicht mehr an IHR Gesicht erinnern, und da wären wir auch schon bei Vorwurf Nummer zwei: Irgendwann erinnert man sich nicht mehr an IHR Gefühl! Zu Ihrer Verteidigung sei erwähnt, dass das mit den meisten Gefühlen so ist, aber bei IHNEN ist es so, dass man sich ausschließlich an die Schweißhände und an das rote Gesicht erinnert, wenn einem der:die Auserwählte länger in die Augen sieht. Man erinnert sich an ein Gefühl der Übelkeit, das von den angeblichen Schmetterlingen im Bauch kommt, die aber sofort verschwinden, wenn SIE einen auch verlassen haben. IHR Gefühl ist so unberechenbar. Zum einen können SIE einen beflügeln, man fühlt sich so frei und stark mit IHNEN, und zum anderen können SIE einen klein halten, weil es in IHRER Verliebtheitspolitik nur ums Täuschen und Getäuschtwerden geht. Man fühlt sich klein, weil man immer so sein möchte, wie einen der:die Auserwählte haben möchte. Unter ihrem Einfluss macht man Wahlwerbung für ein unauthentisches Ich. Man täuscht, um gewählt zu werden, und man wird getäuscht, um selbst zu wählen. Und dabei ist dieses Spiel so sinnbefreit, weil es zu viel Energie und Zeit kostet, und das nicht nur für den:die Verliebte, sondern auch für den:die Auserwählte – also die Person, die auch uns wählen soll. Diese Täuscherei ist reine Zeitverschwendung, vor allem, weil man sich unter IHREM Einfluss gar nicht wirklich kennenlernen kann, also so, wie man wirklich ist. Und irgendwann, wenn SIE, sehr geehrtes Verliebtheitsgefühl, einen dann verlassen haben, fängt die Fassade zu bröckeln an, und dann bleibt nur mehr die Person übrig, die man eigentlich ist – mit all den Schwächen und nervigen Eigenschaften. Wenn die Fassade dann unten ist und die rosarote Brille in der Wahlkabine verloren gegangen ist, dann sieht man auf einmal, dass der:die Auserwählte in der Sauna schwitzt, dass er:sie dem menschlichen Stoffwechsel unterliegt und ab und zu vielleicht auch Verdauungsprobleme hat. Und natürlich sieht der:die Auserwählte all das auch an einem selbst, und dann stellt man sich zwangsläufig die Frage, ob einen die Person, von der man unter IHREM Einfluss gewählt wurde, überhaupt noch mag.
Sehr geehrtes Verliebtheitsgefühl, SIE sind wunderbar und es ist schön, dass es SIE gibt! Ohne SIE wäre die Welt ein wirklich unaufregender Ort, aber manchmal sind SIE etwas zu präsent und nehmen zu viel Raum ein. SIE versuchen stets, Menschen dahingehend zu beeinflussen, dass sie vom Gegenüber gemocht werden. Ganz oft bemerken Menschen dabei aber nicht, dass sie sich selber gar nicht mehr so sehr mögen. Eventuell sollten SIE IHR Programm nochmal überdenken und Platz für Individualist:innen lassen. Ich appelliere wirklich ganz dringend an SIE, sollten SIE sich irgendwann wieder einmal blicken lassen, dann lassen SIE die Verliebten nicht vergessen, wer sie im Grunde sind und welche Dinge ihnen selbst gefallen. Ich bin mir ganz sicher, dass für beides Platz ist: für IHR Gefühl und für die INDIVIDUELLE FREIHEIT, das ein grundlegendes Menschenrecht ist.
Hochachtungsvoll,
Ihr Annarrativ!