Wortlose Sprache
Hallo!
Mein Name ist Sprache. Ich bin eine willkürliche Zusammensetzung aus Zeichen, die für Menschen Bedeutung haben. Menschen haben ja die Angewohnheit, Dingen einen Namen zu geben, deshalb reihen sie sogenannte Buchstaben aneinander, schreiben das auf ein Post-it und befestigen dieses an beliebige Gegenstände, Gefühle, Gerüche, Geschmäcker, Lebensformen, Geschlechter, Identitäten. Menschen definieren Dinge, die sie sehen, fühlen, riechen, hören oder schmecken, um die Welt, die sie umgibt, besser verstehen zu können. Und um ja sicherzugehen, dass auch wirklich jeder Mensch dasselbe unter LIEBE, TRAURIGKEIT oder GLÜCKLICHSEIN versteht, hat man ein einheitliches System etabliert. Diesem System haben sie den Namen Sprache gegeben. Ich bin die Sprache! Ich bestehe aus den Zeichen S P R A C H E und diese Zeichen stehen auf einem Post-it. Dieses Post-it trage ich auf meiner Stirn, so ähnlich wie ein Teufelsmal. Ich, also das System Sprache, bin für die Menschen sehr wichtig, weil sie sich nur durch mich austauschen und voneinander lernen können. Diesen Austausch nennt man K O M M U N I K A T I O N. Kommunikation ist etwas Tolles. Sie macht das Leben der Mehrheit einfacher, zumindest wenn sie erfolgreich ist. Ich bin also sehr stolz darauf, Kommunikation überhaupt erst möglich zu machen. Aber wie so viele Dinge und Menschen, bin auch ich nicht perfekt. Die negative Seite meines von Menschen etablierten Systems ist, dass ich Dinge, die die Mehrheit der Menschen nicht sehen, fühlen, riechen oder schmecken kann, nicht in Worte fassen kann und folglich existieren sie auch nicht. Aus diesem Grund fühlen sich wenige Menschen, denen aufgrund ihrer Wenigkeit keine Stimme gegeben wird, unverstanden. Denn ganz oft fühlen, riechen, schmecken und sehen diese wenigen Menschen etwas anderes als die Mehrheit. Diese wenigen Menschen hätten vielleicht ganz viel zu sagen, aber leider fehlen in meinem Betriebssystem die Wörter dafür und deshalb bleiben sie stumm. Wenn die wenigen Menschen aber stumm bleiben, dann habe ich keine Chance, meinen Wortschatz zu erweitern und das ist dann irgendwie ein Teufelskreislauf. Deshalb wäre es vielleicht gut, den wenigen Menschen Zeit zu geben, um mit dem Wortschatz, den es bereits gibt, Dinge, Gefühle, Gerüche und Geschmäcker in Worte zu fassen, für die es eigentlich noch gar keine Wörter gibt, aber bald geben wird, wenn man sie zu Wort kommen lässt. Wenn es Wörter gibt, dann gibt es auch Worte. Und wenn es Worte gibt, dann existiert es auch. Und wenn es existiert, dann versteht die Mehrheit der Menschen die wenigen Menschen, die gar nicht so sehr anders sind, aber die Welt vielleicht anders sehen, riechen, schmecken und fühlen. Und wenn wir diese Worte gefunden haben, dann sind sie auch ganz „normal“, weil Sprache uns jeden Tag umgibt.